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Über
die Gründung Lichtensteigs, der einzigen mittelalterlichen
Stadt im Toggenburg, liegen keine schriftlichen Angaben vor.
Erstmals ist in einer Urkunde der Grafen von Toggenburg von
1228 von «burgenses de Liechtungsteige» (Burgsassen
von Lichtensteig) die Rede. Weil die Namen der benachbarten
Ortschaften bereits in viel älteren Quellen genannt
werden, ist anzunehmen, dass das Städtchen auf dem Geländevorsprung östlich über
der Thur erst um 1200 entstanden ist. Zusammen mit der benachbarten
Neu-Toggenburg sollte es fortan ein neues Zentrum der Grafschaft
bilden, nachdem die Alt-Toggenburg 1226 dem Kloster St. Gallen übertragen
worden war. Ab 1232 tritt auch ein Adelsgeschlecht in den
Schriftquellen auf, das sich von Lichtensteig nennt. Es dürfte
sich dabei um toggenburgische Ministerialen gehandelt haben.
1271 verpfändeten Diethelm und Friedrich von Toggenburg
das «oppidum seu munitionem de Lichtunsteige» für
60 Mark Silber an den St. Galler Abt Berchtold von Falkenstein.
Die Bezeichnung macht deutlich, dass Lichtensteig bereits befestigt
war und wohl zur Kontrolle des Passübergangs über
die Wasserfluh diente. Die Abtei St. Gallen gab das Pfand 1280
zusammen mit dem Hof Bütschwil an die Grafen von Werdenberg
weiter. Auf ungeklärten Wegen gelangte das Städtchen
im frühen 14. Jhdt. aber wieder unter toggenburgische
Herrschaft. Der befestigte Platz hatte spätestens jetzt
auch einen Schultheissen: 1310 wird Ulrich Gesnede, 1320 Berchtold
von Wittenwil in diesem Amt genannt. Ein eigentliches Stadtrecht
erhielt Lichtensteig aber erst unter der Herrschaft von Friedrich
VII., dem letzten Grafen von Toggenburg, um 1400.
Nach seinem Tod gelangte das Städtchen an die Freiherren
von Raron, die den Bürgern 1439 ihre bisherigen Rechte
bestätigten. Im Alten Zürich Krieg, der um das Erbe
der Toggenburger ausbrach, musste Lichtensteig zwar Truppen
stellen, wurde selbst aber nicht in kriegerische Handlungen
verwickelt. Nur 1448 rückten 60 berittene Zürcher
gegen das Städtchen vor, zogen aber unverrichtetere Dinge
wieder ab.
Das ursprüngliche Aussehen Lichtensteigs lässt sich
nur bruchstückhaft rekonstruieren, da keine archäologischen
Untersuchungen vorliegen. Im Grundriss ein Dreieck bildend,
verfügte die Stadt auf der Nordost- und der Südseite über
befestigte Tore, die im frühen 15. Jhdt. erstmals erwähnt
werden. Es ist anzunehmen, dass die Toggenburger oder ihre
Dienstleute in der Stadt über ein festes Haus oder einen
Wohnturm verfügten. Sein Standort wird an der Stelle des
alten Amtshauses vermutet, bei dessen Abbruch um 1920 auffallend
dicke Fundamentmauern zum Vorschein kamen. Vom ehemaligen Stadtgraben
findet man heute keine Spuren mehr, doch dürfte die Grabengasse
auf der Ostseite der Altstadt den Verlauf angeben. Im 19. Jhdt.
sollen unterhalb des westlichen Stadtwinkels Wall und Graben
noch sichtbar gewesen sein. Von der Stadtmauer selbst werden Überreste
in den Fassaden des westlichen Eckhauses am «Goldenen
Boden» und des alten Rathauses vermutet. Auch der Friedhof
der ehemaligen Pfarrkirche auf der Nordwestseite des Städtchens
soll gemäss einem Text von 1437 «innerhalb der Mauern
der Stadt» gelegen haben.
1468 verkauften die Herren von Raron die Grafschaft Toggenburg
mitsamt ihren Burgen und der Stadt Lichtensteig für 14500
rheinische Gulden an die Abtei St. Gallen. Fürstabt Ulrich
Rösch setzte nun zu Lichtensteig einen Landvogt ein, bestätigte
aber den Bürgern bereits im folgenden Jahr ihre Rechte.
1495 wird erstmals ein Zoll zu Lichtensteig erwähnt.
Während der Reformationszeit wurde die Stadt zwar von
kriegerischen Ereignissen verschont, schwankte aber zwischen
der alten und der neuen Glaubensrichtung hin und her, als 1531
zunächst der Zürcher Reformator Zwingli, 1532 der
Fürstabt von St. Gallen das Städtchen persönlich
aufsuchten. Beide Konfessionen lebten in den folgenden Jahrhunderten
ohne grössere Reibereien nebeneinander.
Als wichtigstes Ereignis der Stadtgeschichte im 17. Jhdt. ist
ein grosser Brand überliefert, der am 9. Mai 1640 zahlreiche
Häuser zerstört haben soll. Mit dem Einmarsch der
Franzosen und der helvetischen Revolution endete 1798 auch
in Lichtensteig die alte Herrschaftsordnung. Die Stadtbefestigung
verschwand drei Jahrzehnte später: Trotz Protesten der
Katholiken entschloss man sich in Lichtensteig, als eine der
ersten Städte der Schweiz die alten Stadttore zu entfernen,
um die Zufahrten verbreitern zu können. Bis im Oktober
1828 wurden sowohl das Ober- als auch das Untertor vollständig
abgebrochen. |