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Um
612 gründete der irische Missionar Gallus im oberen
Steinachtal, mitten im wilden Arboner Forst, eine Einsiedelei.
Um seine kleine Zelle bildete sich bald eine religiöse
Gemeinschaft, und 744 wird erstmals ein Monasterium unter
Führung des ersten Abts Otmar erwähnt. Unter Abt
Gozbert (816-837) wurde das Kloster bedeutend ausgebaut,
wobei der berühmte St. Galler Klosterplan aus jener
Zeit wohl nur eine schematische Orientierungshilfe darstellte.
Unter den karolingischen Königen erlebte die Abtei ihre
erste grosse Blütezeit. Ihre Äbte waren gleichzeitig
hohe Beamte bei Hofe und unter Grimald (841-872) wurde in
St. Gallen eine prächtige Abtspfalz errichtet, die vermutlich
auch der Königsgastung diente. Von Karl III. (883) bis
zu Friedrich III. (1442) beehrten zahlreiche Kaiser und Könige
das zur Reichsabtei erhobene Kloster mit einem Besuch.
Bereits im 9. Jhdt. entstand vor der Klosteranlage eine Siedlung.
Zusammen mit der Abtei wurde diese geplündert und zerstört,
als St. Gallen 926 von den Ungaren überfallen wurde. Auch
die Sarazenen stiessen aus dem Alpenraum bis hierher vor und
937 wütete ein Grossbrand im Kloster. Es war der 953 zum
Gegenabt gewählte Anno, der mit der Errichtung einer ersten
Stadtbefestigung begann. Diese als «vallos urbis» bezeichneten
Bauten umfassten bereits das Gebiet der späteren Altstadt.
Unter Abt Notker (971-975) wurde die bestehende Wallanlage
durch eine Stadtmauer mit 13 Türmen und mehreren Toranlage
ergänzt.
Im Investiturstreit wurden Stadt und Kloster mehrfach in kriegerische
Ereignisse verwickelt. Vor allem, nachdem Kaiser Heinrich IV.
Abt Ulrich III. von St. Gallen zum Gegenabt des Klosters Reichenau
ernannt hatte. Der dortige Abt, Ekkehard von Nellenburg, überfiel
1080 St. Gallen gleich zweimal und zerstörte Teile der
Abtei. Sein Bruder, Graf Burkhard von Nellenburg, tat es ihm
1084 gleich und plünderte das Kloster, um es anschliessend
in Brand zu stecken. Auch die Herzöge von Zähringen überfielen
in diesem Zusammenhang St. Gallen – eine Häufung
von Angriffen, welche am Reichtum und der Macht der Fürstabtei
zehrten.
Spätestens im 12. Jhdt. verfügte St. Gallen über
ein Marktrecht und entwickelte sich zu einem Zentrum der Leinenweberei.
Die Stadt wurde 1215 durch einen Brand erneut zerstört,
und in den nachfolgenden Jahrzehnten, insbesondere während
dem Interregnum, kam es erstmals zu ernsthaften Konflikten
zwischen den nach mehr Selbstbestimmung strebenden Stadtbewohnern
und dem Fürstabt. 1281 sprach König Rudolf von Habsburg
den Bürgern einen Teil der erwünschten Freiheiten
zu. Der Konflikt schwelte jedoch weiter und führte 1404
sogar dazu, dass sich die Stadt im Appenzellerkrieg mit den
Aufständischen gegen den Abt verbündete. Aber erst
1457 konnte sich St. Gallen für 7000 Gulden endgültig
freikaufen und als freie Reichsstadt dem Bund der Eidgenossenschaft
beitreten.
Von den einzelnen Bauten der Stadtbefestigung werden 1319 und
1359 das Spiser- und das Irertor erwähnt. 1331 fanden
Aushubarbeiten für den bis zu 25 Meter breiten und 6 Meter
tiefen Stadtgraben statt. Nach einem Brand wurde das St. Gallertor
1368 durch einen Rundturm ersetzt. Erst jetzt machte die Siedlungsentwicklung
auch eine Stadterweiterung notwendig. Im Laufe des 14. Jhdts.
entstand die Irer Vorstadt, mit deren Befestigung aber erst
gegen Ende des 15. Jhdts. begonnen wurde.
In der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. unterzog man die
gesamte Stadtbefestigung einer gründlichen Erneuerung
und Verstärkung. An der südlichsten Ecke, neben dem
ehemaligen St. Gallertor, wurde ein Zwinger angelegt, den man
in einer zweiten Bauphase um 1623 auffüllte und zur Geschützbastion
umfunktionierte.
Auch die Areale von Kloster und Stadt wurden neu definiert
und nach 1566 durch den Bau einer neuen Scheidemauer klar voneinander
abgegrenzt. Der Abt erhielt das Recht, ein eigenes Tor zu erbauen – das
heute noch erhaltene Karlstor, das im Sommer 1570 fertiggestellt
wurde.
Im 17. und 18. Jhdt. entwickelte sich die Abtei St. Gallen
mit ihren nach wie vor grossen Untertanengebieten mehr und
mehr zu einem absolutistischen Kleinstaat. Dieser wurde erst
1805 durch die Aufhebung des Klosters endgültig beseitigt.
Wenige Jahrzehnte später setzte die Entfestigung der Stadt
und der alten Reichsabtei ein. Das Müller- und das Brühltor
beispielsweise wurden bereits 1836, das Spisertor hingegen
erst 1879 abgebrochen. |